Neuwied. Schocknachricht im vergangenen Dezember: Nach der Insolvenz der DRK-Krankenhausgesellschaft drohte das Aus für fünf Klinikstandorte in Rheinland Pfalz, darunter auch das ehemalige DRK Krankenhaus in Neuwied. Erst im Frühjahr dieses Jahres gab es Gewissheit für die Mitarbeiter dort. Die Marienhaus-Gruppe übernahm den Standort, im April fusionierten die beiden Neuwieder Krankenhäuser zum Marienhaus Klinikum Neuwied-Waldbreitbach. Nach dem Trägerwechsel erzählen uns drei Beschäftigte, wie sie die ersten 100 Tage erlebt haben. Einer von ihnen ist der Chefarzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Knut Schäfer. Er war ein echtes Urgestein im ehemaligen St. Elisabeth-Krankenhaus. Mehr als 30 Jahre lang hat er dort gearbeitet, bevor er zum anderen Standort wechselte. Dagegen schon lange dabei ist Sabine Lindener. Als Mitarbeiterin an der Pforte hat sie den Trägerwechsel im früheren DRK hautnah miterlebt, genau wie Josef Voth, der jetzt als Bereichsleiter für den Bereich Pflege zuständig ist. Beide haben sich nach der Insolvenz dafür entschieden, im Krankenhaus zu bleiben.
Herr Voth und Frau Lindener, wie haben Sie denn die letzten Wochen und Monate im DRK-Krankenhaus erlebt?
Voth: Es war ein bisschen komisch für uns DRK-Mitarbeiter hier. Es ist so, dass wir ja nicht genau wussten, was passiert. Wir haben seitens der Insolvenzverwaltung keine Informationen bekommen, was ja auch letztendlich richtig gewesen ist. Man wusste nicht, wo man dran ist. Bleibe ich hier? Muss ich woanders hin? Muss ich mir eine neue Stelle suchen? Wird die Klinik schließen? Wir in der Pflege haben zwar das große Privileg, höchstwahrscheinlich schnell eine neue Stelle zu bekommen, aber trotzdem ist es so, dass man gerne hier gearbeitet hat. Gerade auch mit dem eigenen Team, das war ja schon sehr familiär miteinander. Und die Gefahr, das alles zu verlieren, das war schon ein bisschen schwierig für uns alle.
Lindener: Es war eine sehr aufwühlende Zeit. Wir waren alle nervös. Wir haben alle Höhen und Tiefen miteinander erlebt. Der Umgang mit Externen kam dann noch dazu, weil ich an der Pforte arbeite. Die Patienten kamen rein und haben immer gefragt: „Was passiert denn jetzt?“ „Wir haben gehört, dass ...“. Natürlich war für uns klar, dass wir immer ein ruhiges Feedback geben. Man hat aber doch ab und zu manche Träne vergossen, einfach miteinander geweint, das gehört irgendwie dazu. Danach ging es einem dann wieder ein bisschen besser. Und so haben wir uns in der Phase der Unsicherheit gegenseitig ein bisschen gestützt.
Wie war denn der Arbeitsalltag in den letzten Wochen und Monaten? Hat er sich verändert?
Voth: Unter dem Dach des DRK war es von der Stimmung demnach etwas gedrückter. Es war nicht mehr so, dass man über alles Mögliche miteinander gesprochen hat. Die fragliche Übernahme oder vermeintliche Schließung haben alles bestimmt. Da war schon viel Zukunftsangst dabei. Natürlich haben wir uns trotzdem gerne um die Patienten gekümmert. Diese haben es dennoch gemerkt, dass es etwas gibt, was so wie eine Art Damoklesschwert über allem schwebte.
Wie waren die Sie die ersten 100 Tage nach der Übernahme für Sie?
Voth: Es war erst mal ja alles sehr neu. Man muss sich das so vorstellen, dass mitten in der Nacht alles auf einmal auf das Marienhaus umgestellt wurde. Plötzlich war bei uns alles anders. Es gab zum Beispiel neue PCs mit einer neuen Benutzeroberfläche. Selbstverständlich ist so eine Veränderung trotzdem nicht einfach. Wenn am bisherigen Arbeitsplatz plötzlich alles anders wird, kann es schon für den einen oder anderen Kollegen etwas schwerfallen, das „Neue“ anzunehmen. Immerhin haben einige Kollegen bereits 10, 20, 30 Jahre hier gearbeitet und hatten nie die Absicht, den Arbeitgeber zu wechseln. In der Pflege wurden die chirurgischen Teams zusammengelegt, das Gleiche auch im internistischen Bereich. Die mussten sich erst neu kennenlernen und finden. Es gibt da also noch die eine oder andere Hürde, die wir gemeinsam meistern müssen. Wir sind aber auf einem sehr guten Weg.
Lindener: Ja, kann ich auch so sagen. Also dieses Zusammenwachsen hat ganz toll funktioniert. Wir konnten zu jeder Tag- und Nachtzeit im Elisabeth-Haus anrufen und fragen, wenn wir was nicht wussten. Alle waren sofort hilfsbereit. Wenn man am Anfang diese Stolpersteine sieht und denkt: „Ach, du lieber Gott“, alles neu und anders, und jetzt im Nachhinein hat das ziemlich gut funktioniert. Wenn man heute zur Arbeit geht, ist es ein besseres Gefühl als noch vor ein paar Wochen. Jetzt denkt man: „So viele Gedanken muss man sich nicht mehr machen.“ Ein paar Dinge brauchen eben ihre Zeit, da sind wir alle dran gewachsen.
Schäfer: Die ersten 100 Tage waren für mich persönlich natürlich eine große Umgewöhnung. Ich bin jetzt im 36. Jahr beim Marienhaus, habe davon über 30 Jahre im Elisabeth-Krankenhaus gearbeitet und kenne da im Grunde mehr oder weniger jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin. Und umgekehrt, die kennen mich. Und dann jetzt am 7. April 2025 hierhin umzuziehen als Alt-Marienhäuser, um das mal so auszudrücken, das war schon aufregend. Ich habe das ein Stück weit als letzte große Herausforderung meines Berufslebens empfunden. In den ersten Wochen hat es für mich eigentlich sehr viel mehr nicht-ärztliche Aufgaben gegeben als die Arbeit am Patienten. Es ist eben schon angedeutet worden, wir hatten am Anfang strukturelle Herausforderungen, weil die EDV erst mit der Übernahme ausgerollt werden durfte. Die erste Zeit konnten wir im Haus Matthias noch nicht röntgen, das Labor musste auch noch neu aufgestellt werden. Aufgrund der relativ kurzen Vorbereitungszeit mussten letztendlich zeitraubende Prozesse im Betrieb geklärt werden, sodass die ersten Wochen viel mit organisatorischen Aufgaben erfüllt waren. Aber mittlerweile merken wir, vieles läuft jetzt ganz selbstverständlich und problemlos. Es gibt immer noch Bereiche, wo nachjustiert werden muss. Aber wir sehen von Woche zu Woche, dass es immer besser wird. Eine weitere wesentliche Herausforderung, nicht nur im ärztlichen Bereich, war das Zusammenwachsen von Teams. Ich persönlich habe von keinem der alten Kollegen hier aus dem ehemaligen DRK-Krankenhaus irgendwo Vorbehalte mir gegenüber gespürt. Und das ist etwas, was mir gerade so in der ersten Zeit sehr geholfen hat. Ich bin hier mit offenen Armen empfangen worden und habe so das Gefühl, dass die Kolleginnen und Kollegen hier aus dem ehemaligen DRK-Krankenhaus froh sind, dass es nun gemeinsam unter dem Marienhaus-Dach weitergeht. Mein Motto war vom ersten Tag: Was im früheren DRK-Krankenhaus gut war, behalten wir bei, und was im Elisabeth-Krankenhaus gut war, übernehmen wir. So wird aus „gut plus gut“ das Beste! Für uns und für die Patienten.
Wenn Sie jetzt in die Zukunft blicken, gibt es da irgendwelche Wünsche oder Ziele, die Sie hätten?
Lindener: Dass wir weiterhin tolle Teams sind, uns ergänzen, weiter miteinander wachsen, dass die Patienten gut versorgt sind. Meine Arbeit weiterzumachen, mit all der Freude und mit dem Elan wie bisher, mit tollen Kollegen in beiden Häusern. Dass es weiter nach oben wächst und wir alle langfristig sicher sind: Patienten, Mitarbeiter, Ärzte – alle, die in dieses neue gemeinsame Haus gehören, das wäre so mein Wunsch.
Schäfer: Da kann man ja kaum noch was hinzufügen. Ich darf hier in einem tollen Team arbeiten und ich bin davon überzeugt, dass wir die kleinen Problemchen, die wir momentan noch haben, schnell lösen können. Da werden wir dran arbeiten, da werden wir jeden Tag besser werden. Und ich schaue sehr zuversichtlich in die Zukunft – verbunden mit dem Wunsch, dass wir weiterhin in der Bevölkerung akzeptiert werden und dass wir auch in Zukunft eine gute Medizin und Pflege hier anbieten werden. Da bin ich sehr optimistisch, dass uns dies gelingen wird.
Voth: Mein Wunsch wäre, dass wir weiter als Teams zusammenwachsen. Auch mit den anderen Krankenhäusern in der Marienhaus-Gruppe. Ich selbst habe meine Ausbildung im DRK in Neuwied damals gemacht und bin auch nie woanders hin, weil es mir hier in Neuwied auch so gut gefallen hatte. Im Laufe meiner Ausbildung habe ich immer gesagt, ich wechsle auf jeden Fall den Arbeitgeber. Dann bin ich doch hier geblieben und bereue es bis heute auch nicht. Auch jetzt gefällt es mir hier. Auch, weil wir so gut und freundlich in die Marienhausfamilie aufgenommen wurden.
Von: Viktoria Schneider


